Dr. Ulrike Wendland in Kiel


ArchitekturClub August 2010

Der BDA auf dem Weg ins Gestern? So lautete die provokante Frage des Landesvorsitzenden zur Einführung in den 22. ArchitekturClub in Kiel, der sich - schon wieder - mit Denkmalschutz beschäftigte. Am 21. ArchitekturClub-Abend hatte Dr. Jürgen Fitschen, Direktor des Landesmuseums Schleswig-Holstein, Schloss Gottorf, seinen Zuhörern vermittelt, welche Schwierigkeiten dem Museum im Schloss Gottorf beim Versuch entstehen, die Präsentation seiner Kulturhistorischen Sammlung durch bauliche Veränderungen im Denkmal zu modernisieren. In der folgenden Diskussion mit dem obersten Denkmalschützer des Landes, Dr. Paarmann, waren die vollkommen gegensätzlichen Positionen der zwei Kunstgeschichtler über den Umgang mit dem Gebäude klar zutage getreten.

Beim jüngsten ArchitekturClub verdeutlichte Dr. Ulrike Wendland, Landeskonservatorin in Sachsen-Anhalt, dann sehr schnell, dass die kluge Handhabung gerade von städtebaulicher Denkmalpflege in Anbetracht des demographischen Wandels nicht rückwärtsgewandt, sondern im Gegenteil eine hochaktuelle Aufgabe ist.

In ihrem Vortrag "Weiterbauen. Der kreative Umgang mit Denkmalen." zeigte sie zahlreiche Beispiele aus ihrer Praxis, die von einer sehr modernen und pragmatischen Haltung zu Denkmalen zeugen und inzwischen bundesweite Bekanntheit nicht nur in Architektenkreisen erlangt haben. So hat Frau Dr. Wendland auf Seiten der Denkmalpflege nicht nur die zwei Nike-Preisträger  Lutherhaus in Eisleben (Springer Architekten BDA, Berlin) und Moritzburg in Halle (Nieto Sobejano Arquitectos, Madrid) betreut. Der Neubau des Juridicums der Universität Halle, die Teilnutzung und bauliche Ergänzung der Martinskirche in Bernburg und moderne Lückenschließungen in Quedlinburg mögen hier als Beispiele für eine Vielzahl weiterer Projekte stehen, die eine ausgesprochen produktive Zusammenarbeit zwischen ihrer Behörde und Architekten, Bauherrn und Kommunen zeigen.

Die gebürtige Hamburgerin zeigte aber auch das grundsätzliche Dilemma bei der Erhaltung qualitätvoller historischer Bauten gerade in wirtschaftlich schwächeren Regionen auf. So gibt es längst nicht für alle der über 20.000 in Sachsen-Anhalt eingetragenen Denkmäler potentielle Nutzungen. Frau Dr. Wendland verwies auch auf eine Reihe von Misserfolgen in ihrer Praxis, sei es aufgrund von mangelnder architektonischer Qualität, sei es durch Verfall und Verlust.

Immer wieder gehen anlässlich immer knapper werdender Finanzmittel daher sogar innerhalb der Denkmalpflegebehörden die Meinungen darüber auseinander, ob es wirklich bei jedem Denkmal, das nicht kurzfristig saniert werden kann, sinnvoll ist, es notdürftig zu sichern und abzuwarten oder ob es gegebenenfalls zugunsten eines Neubaus oder einer Freiflächengestaltung auch abgerissen werden kann. "Wir müssen Schwerpunkte setzen", konstatierte Dr. Wendland, "und akzeptieren, dass zukünftig nicht alle Denkmäler bewahrt werden können". Konsequenterweise stellte sie eine kritische Revision der Denkmallisten in Sachsen-Anhalt zur Diskussion, um durch eine stärkere Konzentration sowohl die finanziellen als auch die personellen Mittel der Denkmalpflege zielgerichteter einsetzen zu können. Dass dies in Kreisen der Denkmalpflege nicht unumstritten ist, versteht sich von selbst.

Frau Dr. Wendland überraschte in ihrem weiteren Vortrag mit pragmatischen Aussagen, die vielen Architekten im Publikum sichtlich aus der Seele sprachen. So befürwortete sie in vielen Fällen das Weiterbauen an Denkmälern mit zeitgemäßer Architektur, was ja auch in der Vergangenheit normaler Umgang mit historischer Substanz war - die sich daraus ergebende Vielschichtigkeit macht ja gerade den Reiz vieler Denkmäler aus. Auch hält sie die Bedeutung von Neubauten insbesondere in maroden Stadtzentren für gleichermaßen wichtig wie den Erhalt der Substanz, da sich viele Bürger gerade durch die Kombination alter und neuer Gebäude mit ihren Städten und Gemeinden identifizierten. Integrierte Stadtentwicklungskonzepte, die gemeinsam von Planern, Politik, Bürgern und Denkmalpflege erarbeitet werden, können ihrer Einschätzung nach ein guter Weg sein, für die wirklich wichtigen Gebäude dauerhafte Konzepte zu entwickeln und auch das Bewusstsein der Bürger für ihre Bedeutung zu  schärfen. Denn Frau Dr. Wendland konstatierte nüchtern, dass das Denkmalverständnis vieler Bürger erheblich von dem der Denkmalpflege abweiche, und die Denkmalpflege hier teilweise erhebliche Vermittlungsprobleme habe.

Innerhalb dieser Gesamtkonzepte stellen nach Auffassung von Frau Dr. Wendland Wettbewerbe und Gutachterverfahren ein gut geeignetes Mittel des denkmalgerechten Weiterbauens dar. Dabei sei es sinnvoll, Denkmalschützer bereits bei der Auslobung des Wettbewerbs oder als Berater der Jury mit einzubeziehen. Der Denkmalschutz wiederum sei gefordert, einen gewissen Pragmatismus walten zu lassen.

Die Denkmalpflege könne beraten, warnen und wertvolle Hinweise geben. Letztlich seien aber kommunale und private Bauherren sowie die Kommunen selbst für die Gestaltung und Fortentwicklung ihrer Gebäude und Stadtgrundrisse verantwortlich.

Ein Faktor, der maßgeblich den Erfolg der Zusammenarbeit von Denkmalpflegern, Architekten und Bauherren beeinflusst, wurde bei der intensiven Diskussion im Anschluss an den lebendigen Vortrag  problematisiert: Letztlich entscheidet neben der Qualifikation stark die Persönlichkeit der Beteiligten sowohl auf Seiten der Planer als auch bei der Denkmalpflege über die Qualität des Ergebnisses. Insbesondere, da es derzeit keine klaren und allgemeinverbindlichen Leitlinien für den Umgang mit Denkmälern gibt. Man war sich einig, dass ein gesunder Pragmatismus auf beiden Seiten, Sensibilität für die Interessen des Anderen und der unbedingte Wille zur Qualität derzeit die verlässlichsten Garanten für ein gelungenes Ergebnis sind. Der Abend wurde, wie üblich, mit einem Glas Wein bei einer Vielzahl von Gesprächen in kleineren Runden beschlossen.

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